Stichwort: Gottesdienst

Der Gottesdienst ist die Mitte des gemeindlichen Lebens - so sagen es die christliche Theologie und das Frömmigkeitsempfinden mit recht, weil hier untereinander und mit Gott kommuniziert wird, was unseren Glauben inhaltlich ausmacht.

Als wichtigstes Element kirchlichen Lebens ist die Gestalt des Gottesdienstes zugleich umstritten. Darin zeigt sich das Ringen darum, etwas Unverfügbares - nämlich Gottes Dienst an uns und unser Dienst an ihm - in möglichst angemessenen menschlichen Formen zum Ausdruck zu bringen. Denn es soll so sein, „dass nichts anderes in der Kirche geschehe, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang." So hat es Martin Luther 1544 formuliert.

Gottesdienst ist Kommunikation und damit in Analogie zu Begegnungen von uns Menschen untereinander gestaltet: Ein Gottesdienst beginnt mit einer „Eröffnung": Mit Begrüßung, mit der Bitte, dass Gott unter uns sein möge, mit dem Erzählen, was war, was belastet und befreit. In seiner Mitte stehen Verkündigung und Bekenntnis: Gott will uns anrühren und verändern, indem sein Wort für jeden von uns Bedeutung gewinnt und wir antworten darauf, indem wir unseren Glauben bekennen - ein jeder für sich eingebettet in die Gemeinschaft aller Christen und Christinnen. Am Schluss des Gottesdienstes weiten wir unseren Blick über die versammelte Gemeinde hinaus: Wir beten für die, die sprachlos geworden sind. Unsere Glocken läuten, damit Menschen in ihren Häusern einstimmen können in das Gebet. Wir gehen gestärkt durch Gottes Zusage, bei uns zu sein: seinen Segen.

Jeder Gottesdienst hat diese Grundstruktur, egal, ob es ein „normaler" oder ein „besonderer" Gottesdienst ist. Manchen ist das Aufgehobensein im Ritual wichtig am Gottesdienst, anderen das besondere Event, ein persönlicher Anlass. Die heutige Gottesdienstteilnahme entspricht unseren gesellschaftlichen Trends nach Individualisierung und selbst geknüpften Beziehungsnetzen anstelle selbstverständlicher Milieus. Es gibt eine Tendenz zum „Besonderen" und zugleich eine Sehnsucht nach „Beheimatung" im Gewohnten.

Deshalb arbeiten wir in unserer Gemeinde daran, beiden im Gottesdienst gerecht zu werden: Denen, für die die gemeinsame Feier des Gottesdienstes zum elementar Lebensnotwendigen gehört und denen, die das besondere Erleben von Geheimnisvollem und Spiritualität suchen. Zugleich gibt es das eine im anderen. Nicht immer und zu jeder Zeit gelingt das, weil wir etwas weitergeben, was niemandem zum dauerhaften Besitz wird: die Plausibilität von Gottes Gnade für das eigene Leben. Denn Gottesdienst geht ja nicht auf in „Belehrung, [ist] nicht Fortsetzung des Dialoges mit anderen Mitteln und auch nicht Darstellung der Kreativität einer Gemeinde oder bestimmter Personen. Gottesdienste sollen den Zweck haben, erfahren zu lassen, was man ist, wenn man nach keinem Zweck mehr fragt" (M. Meyer-Blanck).

Es ist nicht einfach, nach keinem Zweck zu fragen. Zweckfrei da zu sein. Nichts „falsch" oder „richtig" machen zu können. Deshalb müssen wir Gottesdienst-Feiern vielleicht auch an vielen Stellen immer wieder neu lernen. Der Gottesdienst selbst ist der Raum dazu. Denn der Gottesdienst ist doch für den Menschen gemacht, und nicht der Mensch für den Gottesdienst. Dass Gott hier in besonderer Weise das Gespräch mit uns sucht, jenseits von allen Zwecken, gehört auch zum Weihnachtswunder: Gott will sich in uns mitteilen, zeigt sich, wartet auf unseren Dank und unser Lob, lässt sich anrühren von unseren Klagen und Bitten, unseren Gebeten. Deshalb feiern wir Gottesdienst - jeden Sonntag neu, oder eben mal „ganz besonders", und auch im Alltag unserer Welt.